Geschrieben von Whitebird am 16.04.2026 um 13:57:
Kehrtwende: Warum Streamer wieder auf das Warten setzen
Kehrtwende: Warum Streamer wieder auf das Warten setzen
Von dpa / Redaktion digitalfernsehen.de - 16. April 2026, 7:57
Wöchentliche Spannung statt Serienmarathon: Streamingdienste bremsen den Serienrausch aus – und setzen auf mehr Gesprächsstoff im Netz. Was steckt hinter diesem Trend?
Jahrzehntelang sitzen Serienfans fluchend auf der Couch: Auf dem Bildschirm steigt die Spannung, die Charaktere sind kurz davor, sich endlich zu küssen, zu trennen oder ermordet zu werden – und dann läuft der Abspann. Eine Woche warten, bis zur nächsten Folge „Dallas“, „Lindenstraße“ oder „Game of Thrones“.
Doch dann beenden Streamingdienste wie Netflix, Prime Video oder Disney+ diesen Cliffhanger-Stress. Sie stellen alle Folgen gleichzeitig online – und lösen damit eine neue Form des Konsums aus: das sogenannte Bingewatching.
Doch immer mehr Anbieter verabschieden sich wieder von diesem Prinzip. Statt ganzer Staffeln gibt es nun wieder wöchentliche Folgen oder geteilte Staffelteile. Hat das Serienmarathon-Schauen ausgedient?
Bingewatching (auch Binge-Watching geschrieben, „binge“ heißt auf Deutsch: Gelage) beschreibt das durchgehende Anschauen mehrerer Episoden oder ganzer Staffeln am Stück – oft in einer Nacht oder an einem Wochenende. Die Nutzerinnen und Nutzer tauchen komplett in die Serienwelt ein, das nächste Kapitel liegt nur einen Klick entfernt.
Streaming als „Schlaraffenland“ für Serienfans
Marcus S. Kleiner, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der SRH University of Applied Sciences in Berlin, erinnert sich: „Es war die große Idee des Streamings: Ich kann etwas schauen, egal wo ich bin, wie spät es ist und so viel ich will. Also ein digitales Schlaraffenland. Es ging um meine Interessen, meine Bedürfnisse, meine Individualität.“
Seinen Höhepunkt erreicht das Phänomen in der Corona-Pandemie. Durch Serien wie „Squid Game“, „Bridgerton“ oder „Das Damengambit“ sind 2020 und 2021 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer gleichzeitig online – oft tagelang.
„Im Fernsehen musste ich eine Woche warten bis zur nächsten Folge. Bei den Streamern hatte ich die Möglichkeit, alle Folgen einer Serie an einem Wochenende zu schauen“, sagt Kleiner. „Danach bin ich in ein Loch gefallen und wurde direkt wieder rausgeholt, weil die nächste Serie schon auf mich wartet.“ Das habe das Nutzungsverhalten stark geprägt.
Die Rolle rückwärts: Warten statt suchten
Doch inzwischen bewegen sich viele Anbieter in die entgegengesetzte Richtung. Netflix veröffentlichte die letzte Staffel von „Stranger Things“ im vergangenen Jahr in zwei Teilen, mit mehreren Wochen Pause dazwischen.
Apple TV zeigt Erfolge wie „Severance“ oder „Ted Lasso“ wieder im klassischen Wochenrhythmus, HBO Max tut dies ohnehin bei Hits wie „The Pitt“, „Euphoria“ und „Heated Rivalry“ und auch Disney+ hält bei seinen Marvel- und Star-Wars-Serien strikt am Modell „eine Folge pro Woche“ fest.
„Das ist eine völlig dysfunktionale Umkehr des einstigen Versprechens“, kritisiert Kleiner. „Es macht erst mal keinen Sinn, wenn wir über Streaming sprechen.“ Hinter der neuen Strategie vermutet er vor allem wirtschaftliches Kalkül. Denn Streamingdienste sind monatlich kündbar. Wenn eine Serie über zehn Wochen läuft, bleibt das Publikum drei Monate dabei – und zahlt weiter.
Das steckt hinter der Abkehr vom Bingewatching
„Es hat einen ökonomischen Grund, um die Abonnentenzahlen über einen längeren Zeitraum stabil zu halten. Es gibt immer mehr Angebote, die Dienste stehen also unter Druck.“ Netflix und Prime Video wollten sich trotz mehrfacher dpa-Anfrage nicht zu dem Thema und zu den Gründen äußern.
Der Trend hat noch eine zweite Seite: Serien sollen vermutlich wieder länger Gesprächsthema bleiben. Heute diskutiert man die neusten Wendungen nicht mehr morgens im Büro oder abends in der Kneipe, sondern im Netz – in Fangruppen, auf Reddit oder Tiktok. „Vielleicht sind Freundinnen und Freunde nicht auf dem gleichen Stand, aber das Gespräch hat sich ohnehin vom intimen Bereich in digitale Communitys ausgelagert“, erklärt Kleiner. Das wöchentliche Modell verlängert die Debatte – und sorgt für immer neuen Buzz.
In Reality-Shows wie „Love is Blind“ oder „Too Hot To Handle“ hat dieses Prinzip sogar System. „In diesem Genre ist man stark auf die digitale Ausspielung für die Anschlusskommunikation und die Vermarktung angewiesen“, so der Medienexperte. Jede Folge liefert neuen Stoff für Fan-Kommentare, Reaction-Videos oder Memes. Ein digitaler Schneeball, der Zeit braucht, um Fahrt aufzunehmen – perfekt also für wöchentliche Veröffentlichungen.
Für die Zuschauer bleibt das ambivalent. Einerseits kehrt durch die neuen, alten Rhythmen wieder eine Form der Vorfreude zurück – das gemeinsame Mitfiebern, das Warten auf die nächste Wendung. Andererseits fehlt vielen das Freiheitsgefühl, sich eine Serie komplett auf einmal zu gönnen. Schließlich war das „Alles auf einmal“-Prinzip der Befreiungsschlag vom linearen Fernsehen.
Wie geht es weiter?
Doch Medienwissenschaftler Kleiner glaubt nicht, dass das Modell dauerhaft erfolgreich sein wird: „Das ist jetzt eine Zeitgeistbewegung. Es wird getestet, wie erfolgreich das ist. Wenn man sieht, man greift damit zumindest drei Monate Abo-Gebühren ab, wird das weitergehen. Aber eben nicht flächendeckend.“ Er glaubt, Abonnentinnen und Abonnenten würden das nur bei topaktuellen Produktionen mitmachen, die im Trend liegen. „Aber ich glaube nicht, dass die Streaming-Anbieter das durchhalten werden.“
Zumal vor allem Netflix oder Prime Video bei vielen Formaten weiter auf das gewohnte Muster setzen. Der Hochzeits-Horror „Something Very Bad Is Going to Happen“ oder die Detektiv-Vorgeschichte „Young Sherlock“ wurden zuletzt an einem Stück veröffentlicht. Das Streaming-Grundprinzip bleibt also: Jeder schaut, was er will – aber manchmal eben ein bisschen geduldiger.
quelle: digitalfensehen.de